written by
Dr. Kris Naudts
Global Trends
2019-12-11

"Wir wollen Menschen dazu inspirieren, kulturelle Grenzen zu überwinden"

"Wir wollen Menschen dazu inspirieren, kulturelle Grenzen zu überwinden"

Ein Interview mit Dr. Kris Naudts, Gründer und Geschäftsführer von Culture Trip

Das Start-up Culture Trip aus London revolutioniert die Art und Weise, wie Millennials online ihre Reisen planen und buchen. Mit Hunderten von neuen Artikeln pro Monat, die von 600 Freelancern auf der ganzen Welt geschrieben werden, bietet Culture Trip ein einzigartiges Angebot in einer sich schnell verändernden Branche. Wir haben uns mit CEO Dr. Kris Naudts darüber unterhalten, was das Content-Creation-Modell von Culture Trip so besonders macht und wie die Zukunft des Reisens aussehen wird.  

Kris, was macht Culture Trip so besonders?

Im Gegensatz zu klassischen Webseiten im Internet, die sich auf den Verkauf von Reisedienstleistungen konzentrieren, bieten wir unseren Nutzern inspirierende Inhalte, die sie dazu anregen sollen, an neue Orte zu reisen oder ihnen dabei helfen, mehr über ein Reiseziel vor Ortzu erfahren. Letztlich wollen wir Menschen dazu anregen, kulturelle Grenzen zu überwinden. Unsere Webseite und unsere App werden von 15 bis 20 Millionen Menschen pro Monat genutzt.

Als ausgebildeter Psychiater ist Dein Hintergrund wirklich interessant und unterscheidet Dich von anderen Tech-CEOs. Wie hat Deine medizinische Ausbildung Deine Entscheidung, Culture Trip zu gründen, beeinflusst?

Natürlich bringt jeder, der eine medizinische Ausbildung durchlaufen hat, ein gewisses Verständnis für die Bedeutung von Wissenschaft und Daten mit. Das ist in der Tech-Branche äußerst hilfreich. Als Medizinstudent wird dir beigebracht, diszipliniert zu sein und Wissen aufzusaugen. Mein Wunsch, Culture Trip zu starten, kam aus einer Leidenschaft für Kultur und Kreativität und aus meiner Motivation, etwas von Grund auf aufzubauen. H bin ich hauptsächlich ein Reisender im Geiste – ich lese viele Bücher über Orte, die mich interessieren. Tatsächlich war es genau das, was wir ursprünglich mit Culture Trip machen wollten. Nämlich eine Website zu erstellen, die Literatur zu Orten empfiehlt, an die die Menschen reisen wollen. Dies erweiterten wir auf Kunst, Design, Architektur und Kultur und so ist letztendlich das Angebot entstanden, das Culture Trip heute auszeichnet.

Du beschreibst Culture Trip als "das erste Full-Funnel-Angebot in der Reisebranche", das qualitativ hochwertige Inhalte mit einfach zu bedienenden Planungs- und Buchungsfunktionen verbindet. Wie funktioniert dieser Funnel und wie sieht Eure Marketingstrategie derzeit genau aus?

Als wir 2011 starteten, hatten wir ehrlich gesagt nicht wirklich viel Ahnung von Marketing. Es ging uns damals zunächst darum, besonders inspirierenden Content anbieten zu können. 2018 haben wir unser Team dann erstmals um Marketingexperten verstärkt, die erste Kampagnen starteten. 2019 haben wir ein erfolgreiches Event im Rahmen der SXSW-Konferenz organisiert. Dort stellten wir auch unseren ersten eigenen Dokumentarfilm über die drei Sohos – in New York, London und Hongkong – mit dem Titel „The Soul of Soho“ vor. Das sorgte dafür, dass viele Leute anfingen, über Culture Trip und unsere Inhalte zu sprechen. Unter dem Strich verdienen wir unser Geld heute vor allem mit gesponserten Artikeln. Gerade Tourismusverbände leisten hier einen wichtigen Beitrag. Wir arbeiten aktuell z. B. mit Hamburg Tourism zusammen und kooperieren mit dem Deutschen Tourismusverband im Zuge einer Kampagne zu deutschen UNESCO-Stätten. Gleichzeitig bieten wir auch Tools für die Planung und Buchung von Reisen an.

In früheren Interviews hast Du auf die Bedeutung von Künstlicher Intelligenz für die Reisebranche hingewiesen. Welche Rolle spielt KI in der Customer Journey von Culture Trip heute?

Über unsere Plattform haben wir Zugriff auf viele Informationen rund um die Reiseplanung unserer Nutzer. Um diese Daten in unsere Inhalte zu integrieren und sie so weiter zu optimieren, haben wir eigene KI-Tools entwickelt. Dabei fragen wir uns immer wieder, wie wir das Beste aus dem Bestehenden herausholen und unser Angebot für den einzelnen Nutzer personalisieren können.

Welche Tipps würdest Du anderen Start-ups geben, die daran interessiert sind, ähnliche Business-Modelle für andere Branchen zu übernehmen?

Letztlich geht es darum, wirklich interessante Inhalte zu produzieren. Nur so überzeugt man Nutzer. Klar ist: Das ist keine einfache Aufgabe. Es dauert lange, bis man genügend relevante Inhalte produziert hat, mit denen man Nutzer auch dauerhaft auf der Plattform hält. Genauso wichtig ist es, in Qualitätssicherung zu investieren. Zudem müssen Artikel auch immer wieder aktualisiert werden. Hier suchen wir derzeit nach technologischen Lösungen, die uns dabei unterstützen.

Was können traditionelle Reiseunternehmen von Culture Trip lernen?

Sie können von uns lernen, wie man Kunden auf eine andere Art und Weise gewinnt als über klassische Paid-Search-Methoden. Die jüngere Generation zum Beispiel sucht nach Inspiration. Sie wollen die Welt entdecken und sind deshalb besonders offen für die Inhalte unserer Creator Community. Allerdings haben nutzergenerierte Inhalte auch bestimmte Grenzen, denn unsere User legen großen Wert auf professionellen Content. So gelingt es uns als Unternehmen, Nutzer viel früher abzuholen als andere Anbieter.

Welche Rolle wird die Expansion von Culture Trip in Länder wie Deutschland für Eure künftige Entwicklung spielen?

Die Erweiterung unserer Zielgruppe und Kundenbasis ist uns wichtig. Gerade in Europa sehen wir ein wachsendes Interesse an unseren Inhalten. In Zukunft werden wir deshalb damit beginnen, Artikel in entsprechende Landessprachen zu übersetzen.

Zum Schluss ein Blick in die Glaskugel: Wie wird der Reisende in 20 Jahren aussehen und wie entwickelt sich Culture Trip, um deren Bedürfnissen gerecht zu werden?

Ganz einfach: Künftige Reisende kommen viel häufiger aus China. Wir sehen jetzt die Anfänge dieses Trends, aber das Wachsumspotenzial ist riesig. Eine spannende Entwicklung, die die Branche mit Blick auf Reisen von bzw. nach China in den nächsten Jahren durchlaufen wird. Gleichzeitig wird das Thema Nachhaltigkeit immer präsenter werden. Wie reise ich um die Welt und sehe neue Orte, ohne den Planeten zu schädigen? Wir arbeiten derzeit intensiv daran, diesen Trends zu begegnen. Eine große Aufgabe, aber wir setzen alles daran, diesen Entwicklungen mit unserem Angebot gerecht zu werden.

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